Geistliches Wort

Verstecktes Glück im Wald

Spätestens seit die Temperaturen nachts deutlich einstellig sind ist klar: der Sommer ist vorbei. Der Herbst hält Einzug. Frühnebel, bunte Blätter und der erste Bodenfrost gehören genauso zum Herbst wie Pilze.

Viele Menschen gehen gerne in den Wald, um Pilze zu sammeln. Ich gehe auch gerne in den Wald, aber bei mir bleibt es meistens beim Pilze suchen. Meistens finde ich keine. Trotzdem ziehe ich in den Herbstmonaten immer wieder gerne los und versuche mein Glück – man soll ja schließlich die Motivation nicht verlieren. Aber nichts, kein einziger essbarer Pilz kreuzt meinen Weg. Ich suche weiter, vielleicht hinter dem nächsten Baum, vielleicht zwischen den nächsten vermoosten Wurzeln, vielleicht unter dem nächsten Farn. Nein, nichts. Wieder kein Glück. Nur ein angeknabberter Fliegenpilz – da scheint sogar der Schnecke der Hunger zu vergehen.

Was soll das? Wie kann das sein? Meine Freundinnen und Freunde tragen körbeweise Pilze nach Hause, haben schon mehrfach davon gegessen und sogar welche eingefroren und bei mir reicht es noch nicht mal für eine kleine Portion Pilzsuppe als Vorspeise. Wirklich ärgerlich. Ich motze den Baum neben mir an und frage ihn, ob er mich eigentlich veräppeln will. Er reagiert gar nicht auf meinen mauligen Tonfall, er steht einfach nur da. Na toll, das macht es auch nicht besser. Mein Frust wächst und wächst. Ich gehe zurück zum Weg wo mein Radl steht und fahre ein paar Kilometer weiter. Vor allem unter Nadelbäumen mit viel Moos auf dem Boden sollen die kleinen Schmankerl sich wohlfühlen. Ich halte nach den mächtigen Tannen Ausschau und versuche es nochmal. Wieder absteigen, absperren und ab über Wurzeln, Blätter und Moos. Moos gibt es hier schonmal genug, dann können die Pilze ja gar nicht mehr weit sein. Es riecht auch schon so, wie wenn es hier welche geben könnte. Aber 20 Minuten später ist mein Beutel genauso leer wie als ich losgeradelt bin. Wieder kein Glück. Enttäuscht mache ich mich auf den Heimweg.

Zu Hause angekommen ist meine Enttäuschung beinahe verflogen. Heute gibt es halt Brokkolisuppe statt Pilzsuppe. Oder Kürbissuppe. Mal sehen. Auf jeden Fall gibt´s auch noch Brot und ein paar angeröstete Mandeln dazu. Was für ein Glück, dass ich nicht darauf angewiesen bin, mein Abendessen im Wald zu finden. Und was für ein Glück, dass ich diese wunderbare Zeit in der Natur verbringen konnte. Im Wald. Zwischen Bäumen, die aus vielen Jahren und Jahrzenten Geschichten erzählen konnten. Zwischen Gräsern und Farnen, die meine Beine gekitzelt haben. Zwischen zwitschernden Vögeln und schweigenden Schnecken. Ich bin über das weiche Moos gelaufen, das meine Schritte sanft abgefedert hat. Ich bin auf knackende Zweige gestiegen und über Lichtungen gegangen. Ich war mittendrin, in Gottes Schöpfung. Konnte sie spüren, riechen, sehen – mit allen Sinnen erfassen. Was für ein Glück. Auch ohne Pilze.

Ihre Diakonin Michaela Kleemann