Geistliches Wort

Den Leib in feine Stoffe gekleidet, die Seele in freudige Erwartung versetzt - so sitzen sie im Konzertsaal. Aber dann: der Pianist sitzt reglos vor seinem Piano. Er spielt keinen einzigen Ton, sagt kein Wort. Nach exakt 4 Minuten und 33 Sekunden schließt er den Deckel des Pianos und geht. Einige Menschen haben bereits den Saal verlassen, andere flüstern entrüstet miteinander. Das hat sich am 29. August vor 70 Jahren ereignet. John Cage’s Komposition mit dem Titel „4:33“ wurde uraufgeführt. Doch statt Musik waren nur die Geräusche im Saal, die Klimaanlage oder das Piepen im eigenen Ohr zu hören.

Ich bewundere John Cage für seine Idee. Mitten in der Urlaubszeit be­kommt das Piano und der Pianist Urlaub. Auch dem Publikum wird Urlaub angeboten, aber es wird auch zum Nachdenken angespornt: Hör! Nimm wahr! Auch wenn nichts zu hören ist, geschieht so viel!

Gott hat in die Lebenspartitur der Menschen viele Pausen eingezeichnet. In den 10 Geboten, den 10 Worten für ein gelingendes Leben, lesen wir „Du sollst den Feiertag heiligen.“ Unsere Glaubensvorfahren waren sich sicher, Leib und Seele erholen sich, wenn wir am Sabbat oder Sonntag Gott loben, ihn anrufen im Gebet und auf sein Wort hören. Wenn wir gemeinsam unseren Glauben feiern.

Es dauert bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, dass aus einem arbeitsfreien Tag der Erholungsurlaub wird. Den ersten Erholungs-urlaub im heutigen Sinn erhielten höhere preußische Beamte. Zunächst nur bei Vorlage eines ärztlichen Attests. Noch 1890 meinte Kaiser Wilhelm II: es „liege in der Beschränkung der Arbeitszeit die Gefahr des Müßiggangs.“

Längst wissen wir: Müßiggang ist die beste Erholung. Ich merke das alle Jahre wieder, wenn ich Anfang August in einem Schweigekurs grad das genieße, was vor 70 Jahren zur Empörung führte: Stille. Oft ist die Woche im Schweigen erholsamer als der eigentliche Urlaub mit Wander-und Badevergnügen. Am Ende der arbeitsfreien Zeit ist mein Kopf wohltuend entleert. Ich merke es an der Supermarktkasse, wenn mir die so vertraute PIN zur EC-Karte nicht mehr einfällt.

Nicht nur wohltuende Entleerung verschafft uns der Urlaub. Es geschieht in uns so viel, wenn wir mal nichts tun müssen. In uns rührt sich Vergessenes und Unbekanntes. Die Seele weitet sich – plötzlich ist da Platz, vielleicht auch für unseren Gott.

Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete Urlaubszeit

Ihre Pfarrerin Elke Eilert