Geistliches Wort

Der Herbst

 

Das Titelbild zeigt den Herbst in seiner Pracht. Noch strahlt das Laub golden. Es macht Spaß über dicke Laubmatten zu laufen, ganz besonders, wenn man dabei nicht allein ist. Der Herbst ist jedoch nicht nur vergoldet durch buntes Laub und heitere Gemeinschaft. Er ist auch die Jahreszeit der Melancholie. Die Farben verlöschen. Die Bäume werden kahl. Kalter Nebel kriecht uns unter die Jacke. Eine unbehagliche Zeit.

Kein Wunder, wenn manche Herbstgedichte unsere Einsamkeit in den Blick nehmen. Ein Gedicht kennen viele von uns. Seine Anfangszeile passt im Jahr 2018 besonders gut: “Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß.“ (s. Rückseite) R. M. Rilke nimmt uns mit in eine Herbstlandschaft. Die tief stehende Sonne, leere Felder, letzte sonnengereifte Früchte. Dann richtet er den Blick nach innen, auf das was fehlt. „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“. Da möchte ich gern widersprechen, doch aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Einsamkeit ein weitverbreitetes Phänomen ist. Es heißt: wer unter Einsamkeit leidet, lebt mit einem höheren Risiko, einmal krank zu werden. „Wir erleben in unserer Arbeit ein unvorstellbares Maß an Einsamkeit“, sagt eine Mitarbeiterin der Telefonseelsorge. Dort gehen jährlich etwa 1,6 Millionen Anrufe ein, weil ein Mensch niemanden hat, dem er sein Herz ausschütten kann.

Keiner soll allein bleiben, sagt unser Glaube. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. (Gen 2,18) Deswegen hat Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen. Gott braucht Mann und Frau, soll die Erde bevölkert werden. Mehr noch: von Gott ist jeder Mensch auf Mitmenschlichkeit hin angelegt. Es macht uns erst komplett, wenn wir ein Gegenüber haben, das ganz anders ist als wir selbst, einen nahen Menschen, der uns ergänzt und bereichert.

Trotzdem sind Menschen einsam. Sie sehnen sich nach einem Gegenüber, aber bleiben doch für sich mit ihren Sorgen und ihrem Leid. Was hier helfen kann, deutet Rilkes Gedicht an: Der Einsame geht hinaus, wandert durch die Alleen, schreibt Briefe und nimmt Kontakt auf. Erste wichtige Schritte - hinausgehen, hin zu den anderen. Wer einsam ist und scheu, dem fällt es nicht leicht, sich
bei einem Kirchencafé oder Gemeindefest zu wildfremden Menschen zu setzen und das Plaudern zu beginnen. Leichter kann es sein, herauszufinden, was einen selbst interessiert und dann Anschluss zu suchen, wo man sich diesem Interesse widmet: in einer Bürgerinitiative, im Literaturkreis, in einer Yogagruppe, im Kirchenchor.

Ich wünsch jedem, dem seine Einsamkeit trübe Herbsttage beschert – selbst wenn draußen die Sonne scheint – die Kraft zum ersten Schritt, hinaus, hin zu den anderen.

Ihre Pfarrerin Elke Eilert